ÜBER DEN FILM

Eine deutsche Partei
110 Minuten, Deutschland 2022
Kino-Dokumentarfilm
Regisseur: Simon Brückner
Produzent: Hubertus Siegert
Verleih: Majestic Filmverleih GmbH
Vertrieb: Hubertus Siegert/ spicefilm GmbH
Presse: Petra Schwuchow

Weltpremiere: Berlinale 2022


Berlinale 2022:
„Es ist nicht irgendeine Partei, zu deren Innenleben uns hier Zugang verschafft wird. Die rechtsgerichtete „Alternative für Deutschland“ ist seit 2017 im Parlament vertreten. In manchen Teilen Deutschlands wählt sie jede vierte Person, eine breite Öffentlichkeit stuft sie als antidemokratisch und rassistisch ein. Zwei ihrer Teilorganisationen, die „Junge Alternative“ (JA) und der sogenannte „Flügel“, wurden vom Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingeordnet.
Simon Brückner und sein Tonmeister begleiteten zahlreiche AfD-Politiker*innen zwischen 2019 und 2021 mit der Kamera: Er führt keine Interviews, kommentiert nicht, mischt sich nicht ein. Er beobachtet die Arbeit von Funktionären auf drei Ebenen – Bezirk, Land und Bund. Er hört zu: bei „JA“-Auftritten in Zehdenick, wo sich märkischer Sand auf Heimatland reimt und die Hymne auf die Playlist kommt; bei Richtungskämpfen und Diskussionen in der Fraktion über das Grundgesetz und darüber, was sagbar ist und was nicht. Die deutsche Partei wird weder vorgeführt noch dämonisiert. Sie spricht von der „Rangordnung der Kulturen“ und von sich selbst – es ist ein Akt der Dekonstruktion, der deutlich macht, wo die Widersprüche beginnen und das Argument endet.“


Synopsis:
Ein Blick ins Innere der AfD, jenseits medialer Aufgeregtheit. Simon Brückners exklusiver Zugang auf Kommunal-, Landes- und Bundesebene führt in die Hinterzimmer einer umstrittenen und mit internen Konflikten ringenden Partei. Ein frappierendes Gesamtbild entsteht, zusammengesetzt aus genau beobachteten Einzelszenen, ohne äußere Beeinflussung oder sprachlichen Kommentar. Direct Cinema im Kommunikationsraum einer Organisation, deren radikale Flügelkandidaten gegen vermeintlich Moderate kämpfen. Politische Scherkräfte werden bis hin zum Partei-Nachwuchs sichtbar, der mit dem System der Bundesrepublik bereits gebrochen zu haben scheint. Auch die internationale Vernetzung einer Rechten, die sich global neu formiert und Zulauf hat, wird gezeigt.
Durch Grauzonen hindurch, manchmal bedrückend alltäglich oder banal, öffnen sich die Abgründe des Extremismus, der Feindseligkeit und Verachtung gegenüber vermeintlich Fremden und Andersdenkenden.
In seinem Streben nach einer analytisch-neutralen Herangehensweise führt der Film an Orte abseits der öffentlichen Kampfplätze und beginnt dort, wo die tagesaktuelle Berichterstattung enden muss. Ein Balanceakt im Spannungsfeld von Nähe und Distanz, der das eigene Erleben ins Zentrum setzt und zum Weiterdenken und -streiten auffordert.
Simon Brückner schaffte es, ganze Netzwerke und Gremien über mehrere Jahre zu begleiten. Das mit soziologischem Gespür ermitteltes filmisches Mosaik konfrontiert das Publikum mit einer Parallelwelt, die für viele Parteigänger, selbst wenn sie teilweise aus der Mitte der Gesellschaft kamen, längst Normalität geworden ist.

Eine Deutsche Partei ist das unbequeme Dokument einer historischen Bestandsaufnahme. Eine Reise zu Menschen an der Grenze der Demokratie.


Zur Produktion:
EINE DEUTSCHE PARTEI ist eine Produktion von Hubertus Siegert und seiner Produktionsfirma spicefilm, in Co-Produktion mit dem ZDF/3sat und Rundfunk Berlin-Brandenburg. Der Film wurde mit Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, des Medienboards Berlin-Brandenburg und des Deutschen Filmförderfonds unterstützt.

Der Film, dessen Recherchen 2017 begonnen haben, wurde zwischen 2019 und 2021 gedreht. Die Filmaufnahmen fanden offen und mit Zustimmung der beteiligten Personen und Gremien statt. Die AfD hatte kein Mitspracherecht beim Schnitt des Films.



Simon Brückner, Regisseur:
Als die AfD die politische Bühne betrat, war die Besorgnis über das Entstehen einer neuen Rechtspartei groß. In den medialen Kommentaren erschien die Partei zuweilen wie ein Raumschiff Außerirdischer, das in unserer scheinbar perfekten Demokratie gelandet ist und sie durcheinander bringt. Tatsächlich ist die AfD aus der Mitte unserer Gesellschaft entstanden – nicht bloß von den Rändern her.

Als Dokumentarist wollte ich diesen speziellen Teil unserer gemeinsamen Wirklichkeit so differenziert, wie es irgend geht, abbilden und etwas ermöglichen, was es bisher nicht gab: das Publikum direkt in den Kommunikationsraum der Partei zu versetzen. Die methodische Frage war: Wenn ich von allem absehe, was ich über die AfD zu wissen glaube und es mir gelingt, dort als stummer Gast, weder Freund noch Feind, akzeptiert zu werden – was sehe ich dann eigentlich? Das, was alle erwarten? Oder etwas ganz anderes? Oder beides zugleich? Der Film formuliert keine abschließende Antwort, er ist kein „Endergebnis“, sondern ein Kondensat von Situationen und Erfahrungen, die ich mit der Kamera festhalten konnte. Er führt an den Rand von Abgründen und lässt zugleich Raum für Entdeckungen. So kann das Publikum meine Reise selbst antreten.

Die Entstehung der AfD war mit Polarisierungen und gesellschaftlichen Kommunikationsabbrüchen verbunden. Ich wollte innehalten und die Dinge aus einer Distanz betrachten. Darin liegt für mich die Kraft des beobachtenden dokumentarischen Kinos: Die Phänomene in der Dunkelheit des Saales und in der Größe der Projektion für sich selbst sprechen zu lassen.“


Justin Time, Künstlerische Mitarbeit:
Wieder eine neu rechte Partei, dachte ich widerwillig, als 2013/14 die ersten AfD-Plakate an den Laternenmasten hingen. Deren rapider Aufwind versetzte mich in einen politischen Lähmungszustand. Wie konnte es sein, dass eine offen rechte bis rechtsradikale Partei in Deutschland im 21. Jahrhundert derart erfolgreich war? Die Betroffenheit, „Das kann nicht wahr sein“ und „Wie können die nur so blöd sein“ (Wähler*innen ebenso wie Mitglieder der AfD) brachte an der Stelle keinen Schritt weiter.

Simons Zugang, einen Film über die AfD und ihre Strukturen zu machen, sie auf allen Hierarchieebenen von der Basis bis zur Bundesebene zu beobachten und zu analysieren erschien mir wie ein emanzipatorischer Befreiungsschlag: raus aus der mentalen Erstarrung. Den Kopf aus dem Sand heben und rein in die Höhle des Löwen – diese Bewegung, vollzogen mit der Kamera, arbeitet entgegen dem Reflex „Es darf nicht sein, also sehe ich nichts“: Die Kamera sieht hin. Sie vollzieht diese Handlung (zunächst) nicht wertend, sondern beobachtend.

Die AfD ist ein Mikrokosmos aus Einzelpersonen, Tendenzen, Strömungen, Flügeln. In der AfD gibt es mittlerweile Schwule, Lesben, Jüd*innen und Migrant*innen, einige wenige Schwarze und vereinzelte Trans*menschen. Es gibt frustrierte Alt-68er, CDU-ler, FDPler… und ehemalige Linksextreme. Und Rechtsextreme. Es gibt Protestwähler*innen und die, die aus tiefster rassistischer Überzeugung heraus der AfD beitreten.

Eine eingleisige Erklärung für den Erfolg der Partei ist nicht zu geben. Viele haben sich über sie empört, es hat sie eher gestärkt und ihr zu medialer Aufmerksamkeit verholfen. Sich über sie lustig zu machen verkennt den Ernst der Lage und die durchaus geschickten Schachzüge, die einige der AfD-Spieler ziehen.

Was macht der Film anders? Er möchte das Phänomen AfD in seiner Vielschichtigkeit begreifen, Strukturen und Mechanismen analysieren. Er macht die Partei nicht zum Dämon und nicht zum Opfer. Stattdessen sucht er nach einer realistischen Einschätzung. Damit holt er uns in eine Beweglichkeit und Handlungsfähigkeit zurück. Nicht alle AfDler*innen sind handfeste Rechtsradikale. Aber es gelingt der AfD, Unruhe ins politische Leben zu bringen, Diskurse zu verschieben, Strukturen zu blockieren, Vereine handlungsunfähig zu machen, und in der Folge andere Parteien in ihren Strukturen und Inhalten zu erschüttern. Die gesellschaftlichen Folgen sind schmerzhaft sichtbar.

Filmisch interessant wird er dadurch, über eine ästhetische Sprache durchaus eine klare Haltung zu transportieren. Durch den fehlenden Kommentar öffnet der Film die Möglichkeit, sich selbst einer Haltung anzunähern, die aus der Beobachtung entsteht, als sich gegen einen tendenziösen Kommentar abgrenzen zu wollen, der uns noch einmal sagt, was wir längst sehen.


Stab:
Buch, Regie & Kamera: Simon Brückner
Montage: Sebastian Winkels, Gesa Marten, BFS
Tonaufnahme: Nils Plambeck
Sound Design: André Zacher
Produktionsleitung: Susanne Bauer
Produzent: Hubertus Siegert